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Hiobsmomente (8.2016)

(ursprünglich eine Auftragsarbeit für das Diözesanmuseum Paderborn, Thema war eine Hiobstatue aus der Caritas-Ausstellung)

Meine hölzerne Haut
Ist vom Holzwurm besessen
Schau durch meine Wurmlöcher
in verbrannte Momente
sie lassen mich nie vergessen

Sie sind meine Pein,
mein ein und alles
Fangen mich auf
Im Falle des Falles

Auf der Suche nach dem Grund
Stürzen wir in die Tiefe

Sind wir schon am Wendepunkt?
Auf dem Weg zurück nach oben?
Unter zitternden Sternen
Auf gefrorener Erde
Durch brennende Luft

Und jetzt hier, hier, hier
„Hier tut es mir leid, hier und hier.“, sagt er,

der Mann zieht (Bewegung, atmen)
zeigt auf seinen Kopf
seine Brust
und die Stelle, an der seine Lungen sein müssten.

Seine Lungen haben bestimmt Brandlöcher,

so wie das eine Hemd von mir, dass ich anhatte, während ich betrunken geraucht habe.

„Rauchen?“, fragt er mich.

Rauchen hemmt den Appetit und den hatte er schon länger nicht mehr,
aber solange man lebt, soll man rauchen.

Rascheln und Knistern, ein Klicken
der bläuliche Geruch von Tabak.
Moleküle in der Nase.
Gedanken im Kopf.

Er denkt:
Die Zeit schlägt Wurzeln
Wie Wunden auf der Haut,
die Nachts zu Portalen werden
aus denen all die Ängste
wie Milben gekrochen kommen

zerkratzter Schlaf
blutiges Bett
verkrusteter Morgen
Zerbombte Stadt

Brennende „Wundervögel“
Ganz ohne Auferstehung
Ganz ohne Wunder
Asche
Hat meine Zähne gelb gemacht,
Meine Gedanken düster

Meine hölzerne Haut
Ist vom Holzwurm besessen
Schau durch meine Wurmlöcher
in verbrannte Momente
sie lassen mich nie vergessen

Sie sind meine Pein,
mein ein und alles
Fangen mich auf
Im Falle des Falles

Braucht (das) Leben einen Grund?
Manche sagen, das Leben sei wie das Meer.
Manche sagen, das Leben sei eine Linie.
Manche sagen, das Leben sei eine Parabel,
mit seinen Tiefpunkten,

Aber wenn man bei Windstille am Strand steht,
sieht das Meer von weitem aus wie eine Linie, hinten am Horizont.

Dann, wenn man ganz nah ran geht,
erkennt man, das Auf und Ab der Wellen,
darunter ist irgendwo der Grund.
Gibt es keinen Grund, dann ist da nur die Tiefe, das macht uns manchmal Angst,
wie das entfernte Heulen von Schakalen,
das Klagelied des Windes, oder der Blick in den Spiegel

Noch einmal:
Braucht Leben einen Grund?
Es gedeiht auch in der Schwebe,
im Parabelflug
ohne Boden
ohne Pflug
an den widrigsten Orten
vielleicht sogar auf dem Mars
aber ganz sicher in der Wüste.
zwischen staubigen Palästen
die mehr sahen als der hölzerne Blick, die hölzerne Haut,
dieser Statue,
sie gingen durch Feuer und viele Hände
mag man ihre Momente auch vergessen, ist ihr Fall noch nicht zu Ende

Von da wo ich stehe, sieht man keinen Grund,
nur Formen,
die sich wiederholen, Dauerrotation,
morgens schon
und die Frage: Warum?

Es gibt keine Antwort
Wenn man keine Fragen stellt,
sicher,
sich niemals irgendetwas fragt
Aber nur weil man fragt, gibt es noch lange keine Antwort.

Ohne Frage; wir brauchen eine Antwort.

Ansonsten bewerfen wir uns grundlos gegenseitig mit
Falscher Schuld und
echtem Schund
So sind wir weniger Meer
Sondern der Grund

Wir sind die Holzwürmer in einer Hiobstatue

Während die sich wünscht, solange durch die Welt zu Stürzen, bis es wieder aufwärts geht,

fragen wir uns, was ist,
wenn das Holz, aus dem sie ist,
den Erdkern nicht versteht

statt zu begreifen:
wir sind das Chaos, die Krise
und die Wüste
Wir sind das Feuer und das Holz,
die Asche und der Wind, der sie zerstreut

Wir legen einander ins Bett
oder setzen uns in Brand

Wir sind der gründlichste Abgrund
Und unsere tiefste Untiefe
Wir sind die Milben,
das Jucken in der Nacht

wir selbst
beschenken uns mit Leid

…aber auch mit Leben

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Über den Autor

Veröffentlicht von

Dean Ruddock wurde 1992 als Frühlingskind im für ihn prägenden Paderborn geboren. In den Nachbardörfern dieser Stadt verbrachte Dean seine Kindheit zwischen Rapsfeldern und Legosteinen. Er entdeckte noch im Schulalter das Poetry-Slam-Format für sich, landete mit seinen Auftritten schnell Erfolge und gewann zum Beispiel den OWL-U20-Slam 2010. Heute zieht Dean als Musiker, Spoken Word-Artist, und Slam Poet durch die Lande. Die metaphorisch verpackten, Gedanken des Paderborners spiegeln das Zeitgefühl der Postmoderne wieder. Dean gewann 2013 die Paderborner Stadtmeisterschaft und 2014 den zweiten Paderborner Videoslam. Als Student der Populären Musik und Medien der Uni Paderborn übernahm er 2012 die von Sulaiman Masomi 1998 gegründete „Lyriker Lounge“ und gründete 2015 zusammen mit anderen, regionalen Künstler_innen das Kunstformat „Das ubiquitäre Quintett“. Er ist Organisator der Konzertreihe „Popkon“ im Café Kleidsam, Ausrichter des Paderborner Videoslams und anderer Veranstaltungen. Seit 2014 führt er in Zusammenarbeit mit der Lektora GmbH und Karsten Strack Poetry Slam-Workshops in Schulen und anderen Einrichtungen durch. -Robin Laufenburg

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